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Analoge Fotografie, Erinnerungen und der eigene Blick, Interview mit Lisa Lange

Analoger Film mit drei Familienfotos

Lisa Lange kennen wir inzwischen schon eine ganze Weile. Sie hat unseren Intensivkurs für dokumentarische Familienfotografie gemacht und ist seitdem auch Teil unserer Mastermind-Gruppe. Und es ist ziemlich besonders für uns, ihren Weg über diese Zeit mitzuverfolgen.

Lisa ist nicht nur eine fantastische Fotografin, sondern auch eine Künstlerin mit einem sehr eigenen Blick. Sie arbeitet unglaublich hart, setzt um, hinterfragt, entwickelt sich weiter und hat sich in den vergangenen Jahren ein Business aufgebaut, das sie widerspiegelt.

Heute hat sie eine großartige Website, ein starkes, unverwechselbares Portfolio und ist mit ihrer Selbstständigkeit richtig gut beschäftigt. Sie fotografiert Familienreportagen, begleitet Geburten und Businessreportagen.

Fotografin Lisa Lange mit Kamera

Analoge Fotografie als Erinnerung und Handwerk – im Gespräch mit Lisa Lange

Analoges Familienfoto von Kind mit Schafen

Lisa fotografiert auch analog, entwickelt ihre Filme selbst und hat zuhause eine eigene Dunkelkammer.

 

Im Interview hat sie uns erzählt, wie die Kamera ihres Großvaters sie zur Fotografie gebracht hat, warum sie als Mutter heute anders darüber nachdenkt, selbst auf Bildern vorzukommen, und weshalb zehn oder zwölf Bilder auf einem Film manchmal mehr verändern können als tausend Möglichkeiten auf einer Speicherkarte.

 

Ein Gespräch über analoge Fotografie, Mutterschaft, Erinnerung, Kunst und darüber, warum wir manche Bilder vielleicht gar nicht für heute machen.

Wenn Bilder Menschen in unserer Familiengeschichte sichtbar halten


Hast du Erinnerungen an analoge Fotografie aus deiner Kindheit oder Jugend (z. B. Eltern, Gro
ßeltern, Fotoalben)?

Mein Opa ist jung gestorben, an den Folgen des Uranabbaus im Erzgebirge. Ich durfte ihn nie kennenlernen. Aber seine Bilder ließen mich an seinem Leben teilhaben, an dem, was ihm wichtig war, wie er seine Umgebung wahrgenommen hat.

Dass er trotz seiner harten, schweren Arbeit so viel Auge für das Schöne hatte, hat mich schon früh beeindruckt. Das hat mich zur Fotografie gebracht.

Wenn du als Mutter fotografierst und wenn du als Fotografin arbeitest – wie verändert sich dabei dein Blick durch die Kamera?

Bei meinem Opa hab ich gesehen, wie schnell man aus der eigenen Geschichte verschwindet, wenn man immer diejenige hinter der Kamera ist. Als Mutter kenne ich diesen Reflex genau, ich nehme mich auch ständig raus. Als Fotografin ist mein Job aber genau das Gegenteil, ich will andere Mütter davor bewahren, dass ihnen dasselbe passiert.

Alte Fotografie von Bergarbeitern im Erzgebirge
Analogbild Stollen Uranabbau Erzgebirge
Bergarbeiter aus dem Erzgebirge
Uranabbau im Erzgebirge
Analoges Familienfoto

Kannst du dich an den Moment erinnern, in dem du zum ersten Mal das Gefühl hattest: Analoge Fotografie, das ist etwas für mich? Was hat dich daran besonders fasziniert?

Mit 16 habe ich seine Kamera gefunden, dazu viele nicht entwickelte Filme. Drei Jahre später habe ich jede freie Minute in der Dunkelkammer verbracht. Meine Abschlussarbeit hab ich dann mit genau dieser Kamera fotografiert, in einem stillgelegten Uranbergwerk, an dem Ort, der ihm am Ende das Leben gekostet hat. Ich habe mit einem Ilford 3200 fotografiert und musste ihn ganz schön pushen, damit man auf den Bildern, die in diesem dunklen Schacht entstanden sind, überhaupt etwas erkennt.

Da wusste ich, das ist keine Ausbildung, die ich nebenbei mache, das ist etwas, das mich durch unsere Bilder mit ihm verbindet, obwohl wir uns nie begegnet sind.

Du hast sogar eine Dunkelkammer zuhause, wie ist das für dich, die Bilder selbst zu entwickeln? Was gibt dir dieser Prozess, den du digital nicht hast?

Es ist die Handarbeit. Da merke ich, dass Fotografie wirklich ein Handwerk ist. Sobald sich die Tür schließt, bin ich im Hyperfokus, brauche nichts, bin ganz bei der Sache, was mir sonst selten passiert, haha.

Zwei Kinder spielen miteinander, Portrait mit Licht und Schatten
Kind mit Hühnern auf analogem Foto

Der Moment, wenn das Bild beim Vergrößern in der Schale langsam auftaucht, oder wenn ich den Film aus dem Tank nehme, das toppt kein Einstecken einer Speicherkarte.

Es nimmt mir auch Druck, weil das Bild dann wirklich fertig ist, bis auf das Einscannen. Bei der digitalen Fotografie geht die Arbeit danach ja noch weiter. Vor allem das Archivieren von digitalen Bildern und Filmen stresst mich.

Dunkelkammer, Film und echtes fotografisches Handwerk


Gibt es bestimmte Rituale, die du hast, wenn du mit einer analogen Kamera losziehst (z. B. Film einlegen, bewusstes „Runterfahren“)?

Das Filmeinlegen ist bei mir schon ein Ritual, vor allem weil ich bei meinen zickigen Kameras sehr konzentriert sein muss, sonst sitzt der Film schief oder reißt. Aber davor stehe ich jedes Mal vor meinem Schrank und überlege, mit welcher Kamera ich losziehe. Das entscheide ich immer nach Gefühl. Und dann beim Einlegen selbst darf ich keine Sekunde abgelenkt sein, genau diese Zwangspause, in der ich nur eine Sache machen kann, ist das, was mich runterfährt.

Analoge Fotografie mit stillendem Kind
Analoger Film mit Familienfotos


Viele schrecken vor den Kosten (Film + Entwicklung) zurück. Wie gehst du damit um?

Klar ist das Geld. Aber für mich ist es Geld, das direkt in unsere Erinnerungen geht, das sehe ich nicht als Ausgabe, sondern als Investition. Und weil ich selbst entwickle und vergrößere, spare ich an der Stelle wieder einiges ein.

Wie beeinflusst es dich, dass du auf einem Film nur 36 Bilder hast – bereitest du dich stärker vor oder verändert es vor allem deine Art, den Moment zu beobachten?

Bei meinen Mittelformatkameras sind es sogar meistens nur 10 bis 12 Bilder pro Film. Aber allgemein würde ich sagen, ich beobachte länger, bevor ich die Kamera überhaupt hebe, und bin mehr im Moment. Auch hier hat es wieder viel mit Gefühl zu tun.

Viele beschreiben, dass analoge Fotografie sie achtsamer und bewusster macht. Wie hat sich dein fotografisches Sehen durch die analoge Arbeit verändert?

Ich fühle beim analogen Fotografieren einfach mehr. Ich bin viel stärker im Moment als beim digitalen Fotografieren, wo ich schon während des Fotografierens am Display kontrolliere, statt einfach nur zu schauen und zu vertrauen.

Analoger Film mit Familienfotos im Schnee

Bewusster fotografieren statt einfach mehr fotografieren

Welche Kamera und Filme nutzt du am liebsten, und was macht diese Kombination für dich besonders passend?

Die Praktika Super TL von meinem Opa ist mir aus nostalgischen Gründen bis heute die liebste. Aber am meisten fotografiere ich mit einer Pentacon Six, einer Pentax 6×7 und einer Nikon F3. Alle drei zickig, aber wir können nicht ohneeinander. Film meistens Kodak Portra für Farbe, Ilford HP5 für Schwarzweiß.


Wenn du belichtest: Welche Rolle spielen technische Hilfsmittel für dich – und in welchen Momenten verlässt du dich einfach auf dein Gefühl für Licht und Stimmung?

Nur die Nikon F3 hat eine eingebaute Messung. Die anderen haben keine oder keine zuverlässige. Ich bin also viel stärker auf mein eigenes Auge für Licht angewiesen. Am Ende ist es wie bei der Kamerawahl, ich muss dann meinem Gefühl vertrauen, mehr als einer Anzeige. Und das liebe ich sehr.

Analoge Fotografie von Kind mit Puppe

Analoge Fotografie heißt vertrauen und Erinnerungen schaffen, die bleiben


Was bedeutet es für dich, im entscheidenden Moment die digitale Kamera beiseite zu legen und stattdessen analog zu fotografieren?

Es bedeutet, dem Moment zu vertrauen statt der Kontrolle, die mir das Display sonst gibt. Nicht alles festhalten zu müssen, sondern zu entscheiden, was mir den einen Versuch wert ist.

Inwiefern haben analoge Bilder für dich einen anderen Wert als digitale, vielleicht auch mit Blick darauf, welche Erinnerungen du in 30 Jahren weitergeben möchtest?

Festplatten können sterben. Ein Negativ liegt einfach in einer Box und übersteht Jahrzehnte. Diese Box und die Alben meines Opas zu finden, sie in den Händen zu halten, hat etwas mit mir gemacht, mich sogar aus der Verzweiflung der Berufswahl geholt und mir einen Weg gezeigt. Ich denke nicht, dass Bilder auf einer Festplatte das gekonnt hätten. Genau das will ich meinen Kindern auch hinterlassen, Bilder, die sie in den Händen halten können. Klappt mal mehr, mal weniger gut, mit dem Entwickeln komme ich manchmal genauso wenig hinterher wie mit dem Bearbeiten unserer digitalen Familienbilder. Aber zumindest kann ich den Film nicht aus Versehen löschen, haha.

Analoger Film mit Familien und Naturfotografien

Zwischen persönlicher Erinnerung und professioneller Fotografie

Gibt es ein analoges Bild in deinem Archiv, das für dich eine besondere emotionale Geschichte trägt?

Was macht es für dich so wichtig? (und dürfen wir es sehen/zeigen?)

Ich hab gerade eines vor mir im Schrank stehen, während ich diese Frage beantworte. Mein Bruder hat früher viel auf mich aufgepasst, meine Eltern haben ihre Selbstständigkeit aufgebaut und wenig Zeit gehabt. Er ist oft mit mir durchs Dorf gelaufen, wir haben den Rucksack gepackt und sind einfach losgezogen.

Am Ende sind wir fast immer bei „meiner“ Kuh gelandet, die ich Lisa genannt habe (ich war super einfallsreich).

Ich kann mich noch erinnern, wie er vor mir stand und dieses Bild gemacht hat.

Es ist kein besonderes Bild, keine große Komposition, sogar gestellt, aber es ist eines der wichtigsten, das ich habe.

Wichtige Erinnerungen: ein Foto mit Kind und Kuh

Weitermachen, auch wenn der Film reißt

Der Einstieg in die analoge Fotografie bedeutet auch, aus der eigenen Komfortzone herauszutreten. Was hat dir geholfen, dich auf diesen Prozess einzulassen?

Am Anfang habe ich einfach zugelassen, dass Bilder danebengehen, und hab mich komischerweise nicht davon aufhalten lassen. Wenn ich ehrlich drüber nachdenke, ist die analoge Fotografie sogar eine der wenigen Sachen, bei denen ich gar keine Komfortzone verlassen musste.

Analoge Fotografie bringt auch Rückschläge mit sich, unscharfe Bilder, falsche Belichtung, manchmal Frust. Wie gehst du mit diesen Momenten um und was hilft dir, dranzubleiben?

Es gibt immer wieder kleine Rückschläge, die Kameras haben irgendwas, der Film reißt, ich bin abgelenkt und lasse den Film zu lange in der Chemie. Das passiert wirklich dauernd. Aber nichts davon hält mich ab weiterzumachen, weil es mir mehr gibt, als die Rückschläge mir nehmen.


Hast du bestimmte Routinen oder Gedanken, die dir Sicherheit geben, bevor du den Auslöser drückst?

Wenn ich den Film nicht gerade selbst neu eingelegt habe, klebe ich mir ein kleines Post-it an die Kamera, auf dem steht, welcher Film drin ist und vor allem welche Empfindlichkeit er hat. Ansonsten mache ich mir eigentlich jedes Mal bewusst, dass ich jetzt analog fotografiere und dass jeder Auslöser eine Mischung aus Entscheidung und Gefühl ist. Dass ich nur zehn Bilder habe, um diesen Tag einzufangen, das macht ganz viel mit mir beim Fotografieren.

Welche Erfahrungen oder Tipps würdest du Eltern mitgeben, die Lust haben, analoge Fotografie im Alltag mit ihren Kindern auszuprobieren?

Fangt mit einer einfachen, robusten Kamera an, nicht gleich mit dem teuersten Setup und auch nicht mit einer vollautomatischen. Lasst euch drauf ein, dass die Kamera nichts kontrolliert und macht Fehler. Man bekommt ein Gefühl für die Belichtung auch ohne dass die Kamera einen korrigiert. Und versucht euch am Entwickeln der Filme, es macht so viel Spaß und entschleunigt. Es braucht zu Beginn auch keine voll ausgestattete Dunkelkammer, ein Dunkelsack, die Chemie und einige wenige weitere Utensilien reichen erstmal, um im Badezimmer anzufangen.

Warum dokumentarische Familienfotografie manchmal digital besser funktioniert


Viele FotografInnen fühlen sich von den technischen Aspekten eingeschüchtert. Was hat dir geholfen, den manuellen Modus ganz selbstverständlich zu nutzen?

Ganz viel ausprobieren, dadurch bekommt man das Gefühl und den Blick dafür. Später kam noch eine Ebene dazu, ich musste lernen, schon beim Fotografieren mitzudenken, wie ich den Film hinterher in der Dunkelkammer entweder pushen oder pullen kann, also die Empfindlichkeit beim Entwickeln nachträglich hoch oder runter korrigieren. Ich fotografiere seitdem quasi schon mit Blick darauf, wie ich das Bild später in der Dunkelkammer noch retten oder verbessern kann.

Wenn du heute auf deine eigene Reise zurückblickst, welches Wissen oder welche Haltung zur analogen Fotografie hättest du dir am Anfang gewünscht?

Dass Fehler kein Zeichen von Unfähigkeit sind, sondern einfach der Weg, wie man analoges Fotografieren überhaupt lernt. Hätte mir am Anfang eine Menge Druck erspart. Und dass das Entwickeln in den Basics kein Hexenwerk ist.

Das alles spricht so sehr für die analoge Fotografie, und ich überlege immer wieder, auch beruflich analoge Fotos anzubieten. Aber ich komme immer wieder an den Punkt, dass mir die digitale Fotografie etwas geben kann, das die analoge nicht kann: unbemerkter fotografieren. Die Familien in ihren Momenten sein zu lassen. Wenn ich mir vorstelle, meine große Analogkamera in ein Wochenbett zu nehmen, sehe ich immer ein Baby und eine Mama vor mir, die beim Auslösen vor dem lauten Verschluss zusammenzucken.

Letztens hat mich eine Mama bei einem Familienshooting nach einer halben Stunde verdutzt gefragt, wann ich endlich anfange zu fotografieren. Dabei hatte ich schon etliche Bilder gemacht, anscheinend ohne dass die Familie das großartig mitbekommen hat. Und wenn ich an mich und meine eigene Kamerascheue denke, macht das glaube ich ganz viel mit den Familien. Zumindest mit den schüchternen 🙂

Kinderfüße auf Rutsche auf analoger Fotografie
Kind auf den Schultern vom Vater auf analoger Fotografie
Kind in Holzbeet auf analoger Fotografie

Fotografie als Kunst, Erinnerung und Beruf

Was wir an Lisas Geschichte so schön finden: Ein eigener fotografischer Blick entsteht nicht dadurch, dass irgendwann jemand sagt: So, jetzt kannst du Fotografie.

Er entwickelt sich.

Durch Fotografieren. Durch Hinsehen. Durch das Auseinandersetzen mit Licht, Komposition und Momenten.

Durch persönliche Projekte. Durch Bilder, die nicht funktionieren. Durch andere Fotografinnen, mit denen wir uns austauschen können.

Und irgendwann auch durch die Frage: Was möchte eigentlich ich mit meinen Bildern erzählen?

Genau darum geht es auch in unserem Intensivkurs für dokumentarische Familienfotografie.

Natürlich sprechen wir über Technik, Licht, Komposition, Bildgestaltung und darüber, wie du auch in schwierigen Situationen sicher fotografierst.

Aber uns geht es nicht darum, dass am Ende alle Teilnehmerinnen dieselben Bilder machen. Ganz im Gegenteil.

Wir möchten dir das Wissen, die Sicherheit und den Raum geben, deinen eigenen Blick weiterzuentwickeln.

Einen Blick, mit dem du nicht einfach nur schöne Familienfotos machst, sondern Bilder, die etwas über diese Menschen, ihre Beziehungen und ihre Geschichte erzählen.

Und wir möchten dich dabei unterstützen, aus dieser Arbeit auch eine Selbstständigkeit aufzubauen, die zu dir und deinem Leben passt.

Lisa ist heute immer noch Teil unserer Community, inzwischen in unserer Mastermind.

Und genau das lieben wir an dieser Arbeit besonders: zu sehen, wie unterschiedlich die Wege nach einem Kurs weitergehen und was entstehen kann, wenn Fotografinnen sich gegenseitig begleiten, unterstützen und ernst nehmen.

Du möchtest deinen eigenen Weg in der dokumentarischen Familienfotografie gehen?

In unserem Intensivkurs für dokumentarische Familienfotografie begleiten wir dich dabei, technisch sicherer zu werden, deinen eigenen fotografischen Blick zu entwickeln, ein starkes Portfolio aufzubauen und deine Arbeit als Fotografin professionell nach außen zu bringen.

Wenn du nicht einfach lernen möchtest, „schöne Familienfotos“ zu machen, sondern Bilder schaffen willst, die etwas erzählen und auch in vielen Jahren noch Bedeutung haben, dann ist dieser Kurs für dich.

 

→ Mehr über den Intensivkurs erfahren

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